Sieben auf einen Streich – Bildung in Vielfalt

Wie man dazu kommt, ein Bildungsprojekt zum Thema Märchen in einem sozialen Brennpunkt anzubieten. Und warum ausgerechnet Rap eine wichtige Rolle spielen muss.

Ausgangssituation:

Lernen -> Bildung -> Bildungsmanagement -> Vernetzung von Schulen im Lernumfeld der Menschen

(Zitate aus einer Veröffentlichung des Schulreferats der Stadt Nürnberg)

Im Projekt „Sieben …“ sind neben dem Jugendhaus NOB, der Evangelischen Jugend Nürnberg EJN und arthefact auch der Schülertreff und der Hort der Konrad-Groß-Schule beteiligt.

„Das Aufgabenspektrum vieler Schulen in Deutschland hat sich in den letzten Jahren rasant erweitert.
Stichworte dabei sind ganztägige Betreuung, Stadtteilorientierung, Öffnung von Schule, Netzwerkarbeit, Ganzheitlichkeit von Bildung und Erziehung, um nur einige zu nennen.
Auch machen weitreichende Veränderungen in der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen und die Anwesenheit vieler Familien mit Migrationshintergrund gerade in den städtischen Ballungsräumen weitere Bildungs- und Erziehungsanstrengungen nötig. In der Regel werden diese von der Schule selbst oder in ihrem Organisationsrahmen erwartet.
Die Übernahme dieser Aufgaben- und Funktionserweiterungen zieht umfangreiche konzeptionelle, administrative, organisatorische und pädagogische Anforderungen nach sich.
Bisher werden Schulen dabei im günstigen Fall mehr Lehrerstunden und/oder Finanzmittel als Strukturhilfen angeboten, um den Mehraufwand und die neuen Aufgaben gewährleisten zu können.“ Das bedeutet auch, dass sich Schulen öffnen müssen, auch um neue Impulse zu bekommen.
Hier setzen wir mit unserem Projekt „Sieben …“ an.

Auf das „Bildungsmanagement“ an Schulen kommen vielfältige Aufgaben und Herausforderungen zu, unter anderem

– Organisation, Steuerung, Betreuung und Auswertung von über den Unterricht hinausgehenden Bildungsangeboten
– Reaktion auf aktuelle Entwicklungen in Schule und Gesellschaft
– Unterstützung von Kindern und Erziehungsberechtigten bei Übergängen in unterschiedliche Bildungsinstitutionen, innerhalb des Schulsystems und darüber hinaus
– Zusammenarbeit mit außerschulischen Fachdiensten, Fachleuten und Bildungsträgern
– Vernetzung innerhalb des Stadtteils
– Bildung von Netzwerken mit anderen Bildungseinrichtungen
– Anpassung des Schulprofils an veränderte Bedingungen und seiner Darstellung in der (Schul-)Öffentlichkeit

Auftrag und Aufgaben für das Bildungsmanagement dabei sind auch die Rückkoppelung der Ergebnisse von „Bildung in Vielfalt“ mit dem Kollegium an der Schule sowie  die Moderation der Treffen der Schule mit den Kindertagesstätten und Ergebnissicherung. Damit fließen die Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Projekt „Sieben …“ auch in die Schulentwicklung mit ein.

Vorüberlegungen

Im Zentrum der Vorüberlegungen standen drei Fragen:

1) In welchen Bereichen braucht das Bildungsmanagement an Schulen und im Schulumfeld Unterstützung?

2) In welchen Bereichen brauchen die Jugendlichen Unterstützung?

3) Mit welchen kulturellen Mitteln kann man den Bedarfen begegnen?

Da sich, verknappt und neben Anderem, die zweite Frage mit „Sprachkompetenz in der deutschen Sprache“ und die Dritte unter anderem mit „Musik und Rap“ zielsicher beantworten lassen,  hat sich arthefact entschlossen, das von der EJN, NOB und der Konrad-Groß-Schule erdachte Projekt „Sieben …“ zu unterstützen und im Rahmen der Bildungswochen ein eigenes Angebot, einen Rap-Workshop zu platzieren.

Besondere Herausforderungen

In der Ausgangssituation stellen sich dem Projektteam, angesichts der Komplexität der Aufgabe viele Fragen, denen wir durch das zweiwöchige Projekt mit vielen Methoden der Kulturpädagogik begegnen müssen:

– Welche Methoden sind für die Zielgruppen attraktiv um mit Sprache zu spielen und sich mit Sprache zu beschäftigen?

– Wie kann man ein Angebot konzipieren, das die verschiedenen Zielgruppen erreicht, nämlich Kinder im Hort, Besucher des Schülertreffs und des offenen Angebots des Jugendhauses und Jugendliche aus dem Stadtteil. Die Altersspanne reicht hier von 6 bis 16 Jahren.

– Wie kann man in einem solchen Projekt auch den Jüngeren eine geschützte Plattform geben?

– Wie können wir Jugendliche für ein freiwilliges Bildungsprojekt im außerschulischen Bereich gewinnen?

– Wie lässt sich ein solches Projekt in den zeitlichen Rahmen der „Schulzeit-Woche“ einpassen?

– Wie kann man über das Projekt in den Stadtteil hinein wirken – nicht nur über die Netzwerkarbeit im Rahmen des Bildungsmanagement?

– Wie kann man langfristige Ziele erreichen, z.B. eine Verhaltensänderung und eine Änderung der Einstellung bei den Kindern und Jugendlichen.

Kultur selbst gestalten – erleben – konsumieren

Um den meisten Fragen und Anforderungen gerecht zu werden, wurden sieben Veranstaltungen ins Programm genommen, die sich an unterschiedliche Zielgruppen richten, aber auch Veranstaltungen die zielgruppenübergreifend sind und Bewohner des Stadtteils mit einbeziehen.

Dabei war es aus unserer Sicht notwendig, sowohl Angebote zu machen, bei denen Kultur selbst gestaltet werden kann, als auch Angebote, bei denen die Teilnehmer Kultur aktiv miterleben oder auch nur Kultur konsumieren.

Die Kombination dieser Angebotspalette sichert die Beteiligung von vielen Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen aus dem Stadtteil und hat so niederschwellige Elemente, dass es auch für bildungsferne Gruppen attraktiv ist.

Warum Rap?

Rap ist Jugendkultur. Sieht man sich an deutschen Hauptschulen um, so wird „gerapt und gehiphopt was das Zeug hält.“ Schon die Erfahrung aus dem arthefact-Theaterprojekt „Eine Klasse für sich“ mit Schülern einer Praxisklasse in Fürth hat gezeigt, dass hier nicht nur ungeahnte kulturelle und künstlerische Potentiale schlummern, sondern, dass Rap für eine große Gruppe von eigentlich bildungsfernen Jugendlichen der Ort ist, an dem sie freiwillig und mit Leidenschaft mit Sprache spielen und sich mit Sprache beschäftigen. Da wird mit einer Intensität getextet, gereimt und sich ausgetauscht, dass vielen Deutschlehrern an Hauptschulen der Mund offen stehen bleibt.

Deswegen war für uns sehr schnell klar, dass Rap eine der Kulturformen sein muss, die im Projekt eingesetzt werden.

Um einen hochwertigen und pädagogisch durchdachten Workshop anbieten zu können, haben wir uns für die Raperin und Germanistin „sookee“ aus Berlin als Referentin entschieden.

Ihr ist es besonders wichtig den Jugendlichen Rap als eine partizipatorische Subkultur nahe zu bringen und eine Idee davon zu vermitteln, dass Rap eigentlich kein industriell unterwandertes Medienspektakel ist, in dem zwischen Stars und Fans unterschieden wird. Die Workshops, die sie leitet, sind in der Perspektive konstruktivistischer Pädagogik angelegt und dezidiert antirassistisch, antisexistisch und demokratisch betont.

Rap ist für sookee ein Artikulationsraum, der aufgrund seiner Sprachbezogenheit viel Platz in und zwischen den Zeilen lässt, um sich inhaltlich und stilistisch auszuagieren und der eigenen Lebensrealität eine Möglichkeit zu geben, sich in Form von kulturellem Output Gehör zu verschaffen.

Das Besondere am Workshop im Jugendzentrum NOB: das implizierte Sprachenlernen wird auch ein wesentliches Element sein.

Als weitere, greifbare Ergebnisse erwarten wir uns neben dem oder den Tracks der Jugendlichen aus dem Workshop auch einen Beat, auf den nach Anleitung auch nach dem Projekt noch selbst gerapt werden kann.

Warum Märchen?

„Es war einmal …“ – dieser Satz steht für Spannung und Abenteuer, aber auch für Behaglichkeit und Geborgenheit, für all das, was Kinder und Jugendliche erfahren können, wenn wir mit Ihnen das Reich der Märchen betreten. Märchen beschreiben alle Seiten des menschlichen Lebens. Sie setzten Fantasie und Vorstellungskraft in Gang und zeigen Verhaltensmodelle auf. Werte und moralische Haltungen werden vermittelt und können dadurch zur Bewältigung innerer Konflikte und Ängste beitragen. Märchen führen dabei in der Regel zu einem guten Ende und können so Freude, Zuversicht und emotionale Sicherheit verschaffen. Damit schaffen wir eine positive und ganzheitliche Lernatmosphäre.

Die Beschäftigung mit Märchen hat eine förderliche Auswirkung im Bezug auf Spracherwerb und Wortschatzerweiterung:
Märchen sind prall gefüllt mit Begriffen, Namen und Wortwendungen, die in der Alltagssprache kaum vorkommen. Das Hören und Nacherzählen, die kreative Beschäftigung mit den Inhalten und der schöpferische Umgang mit der Sprache, z.B. auch beim Gestalten von Reimen zu Märchen auf der Basis von Hiphop-Musik, stimulieren eigentliche Sprachfreude.
Dies ist besonders wichtig in einem Stadtteil, in dem ein hoher Prozentsatz von Kindern und Jugendlichen eine andere Muttersprache als Deutsch hat. Die Auseinandersetzung mit den sprachlich z.T. anspruchsvollen Texten hilft den Mitwirkenden dabei, ein Stück mehr Sicherheit im Umgang mit der deutschen Sprache zu gewinnen.

Doch diese Basiserfahrungen sind für Kinder und Jugendliche heute nicht mehr selbstverständlich. Es scheint immer seltener zu werden, dass in Familien Märchen weitergegeben werden. Zuhause haben vielfach mit den modernen Medien, Computerspielen, CD’s und Filmen auf Vi-deo und DVD, ganz andere Geschichten und Wertvorstellungen Einzug gehalten. Hier können Märchen eine wichtige Ergänzung darstellen. Daher wollen wir mit dieser Veranstaltungsreihe ein diesbezügliches Bildungs- und Kulturangebot für den Stadtteil anbieten.

Märchen – davon sind wir überzeugt – kommen nie wirklich aus der Mode!

Pressebericht aus der NZ vom 7./8. März 2009 hier als pdf

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